Schafgeburt

Text und Fotos von Christina Häublein

Im Februar, oft wenn die Nächte am kältesten sind, fangen unsere Schafe mit dem Lammen an.

Das erste Anzeichen, dass die Geburt bald bevorsteht, ist das pralle Euter. Wenn das Geschlecht rot wird und anschwillt, kann es nicht mehr lange dauern. Die Schafe suchen sich eine ruhige Ecke. Wenn wir es mitkriegen, lotsen wir sie in eine extra Box im Stall.

Manche legen sich im Geburtsgeschehen hin. Stehen zwischen- durch wieder auf, werden unruhig, dann stehen sie schwer atmend still da. Wenn die Wehen kommen, hört man ein leises Stöhnen und Schnaufen.

Die Geburt kann schnell gehen, manchmal zieht es sich aber auch über Stunden hin. Hier besteht die Kunst darin, so wenig einzu- greifen wie nötig. In seltenen Fällen liegt das Lamm falsch und die Schnauze kommt zuerst. Dann heißt es, dass Lamm vorsichtig zurückzudrücken und neu zu sortieren.

Lämmer werden mit den Vorderbeinen zuerst geboren. Als nächs- tes erscheint das Köpfchen und mit der nächsten Wehe wird der ganze Körper geboren.

Die meisten Schafe bekommen zwei Lämmer. Junge Schafe haben manchmal nur eines, später gebären diejenigen mit einer besonders guten Milchleistung auch Drillinge. Sogar Vierlinge wurden auf unserem Hof schon geboren.

Nun säubert die Mutter ihr Lamm. Zuerst entfernt sie den Schleim von
der Schnauze und aus dem Gesicht. Durch intensives Lecken werden die Lämmer nicht nur trocken, sondern es dient auch dem Aufbau der Mutter-Kind-Beziehung. Die Schafmutter nimmt den intensiven Geruch ihres Lämmchens wahr und kann es später unter vielen anderen wiedererkennen. Gleichzeitig aktiviert die Massage der Zunge die Lebensgeister der kleinen Lämmer.

Die ersten Aufstehversuche erfolgen oft schon Minuten nach der Geburt. Innerhalb einer Stunde sind die Kleinen auf staksigen Beinen auf der Suche nach ihrer Futterquelle. Vorsichtig stupst die Mutter sie in Richtung Euter. Eine kräftige Massage mit der Zunge sorgt dafür, dass die Lämmer ihren Kot ablassen können.

Die Kolostralmilch ist unverzichtbar am Anfang eines Schaflebens. Manche Schafe haben mehr als die Lämmer trinken können. Dann melken wir den Rest ab und frieren ihn ein. Mit diesem Vorrat konnten wir schon einigen Lämmern den Start ins Leben ermöglichen.

Für uns ist die Lammzeit eine aufregende Zeit. Die Schafe beobachten: geht es allen gut, wer kommt zu kurz, wo muss man eingreifen? Mit dieser Zeit ist die Ruhe des Winters vorüber. Der Frühling kommt und mit ihm die Arbeit auf den Wiesen und Feldern.

Jedes Jahr müssen wir einige wenige Lämmer mit der Flasche füttern. Manche Mütter sind nach der Geburt verwirrt und nehmen eines oder beide Lämmer nicht an. Wir versuchen durch Festhalten des Muttertieres dem Lamm eine Chance zu geben. Manchmal klappt es aber nicht. Bei Drillingen kann es passieren, dass die Milch nicht ausreicht.

Die Flaschenlämmer werden anfangs sechs Mal am Tag gefüttert. Nach und nach kann man die Mahlzeiten reduzieren. Die richtige Temperatur der Milch zwischen 35 und 38 Grad ist dabei sehr wichtig.

Es ist erstaunlich, wie jede Generation Lämmer die gleichen Rituale pflegt: Sonnenbad am mittigen Pfeiler im Stall in der Mittagszeit, Runden flitzen während der Fütterungszeit. Manche werden zu Räuberlämmern und saugen in unbemerkten Momenten andere Mütter leer. Es gibt Kletterlämmer und ganz gemütliche, die am liebsten auf ihren Müttern liegen.

Nach ein paar Wochen sind die Lämmer groß genug und dürfen mit ihren Müttern auf die Weide. Mit etwa sechs Wochen werden sie über Nacht von ihren Müttern getrennt und wir melken die Schafe, bevor die Lämmer wieder dazu gelassen werden. In diesem Alter können sie schon gut Gras, Heu und Hafer fressen und sind nicht mehr auf die Milch angewiesen.